Wann erlauben wir uns Müdigkeit?

„Wie geht’s dir?“
„Gut. Ein bisschen müde, aber eh ok.“

Ein Satz, der fast schon automatisch kommt. So automatisch wie das schnelle „Passt schon“, obwohl eigentlich gar nichts passt. Müdigkeit hat sich still und heimlich zu einer Art Grundrauschen entwickelt. Wir funktionieren, liefern, organisieren, koordinieren, beantworten Nachrichten zwischen zwei Terminen und fühlen uns dabei oft permanent ein bisschen leer. Nicht dramatisch. Nicht zusammengebrochen. Einfach… dauerhaft erschöpft.

Der Autor des Buches „Die Müdigkeitsgesellschaft“ beschreibt genau dieses Phänomen ziemlich treffend. Nicht mehr äußere Zwänge machen uns heute fertig, sondern der innere Druck, ständig alles aus uns herauszuholen. Mehr Leistung. Mehr Selbstoptimierung. Mehr Möglichkeiten. Mehr Ich-könnte-noch. Klingt nach Freiheit, fühlt sich aber oft erstaunlich schwer an.

Und genau das ist spannend: Müdigkeit ist gesellschaftlich akzeptiert – solange sie produktiv klingt.

„Ich bin so müde, ich hatte so viel zu tun“ wird fast bewundernd aufgenommen. Müdigkeit ist okay, wenn sie beweist, dass wir wichtig waren. Dass wir gebraucht wurden. Dass wir viel geleistet haben. Einfach nur müde zu sein, ohne „guten Grund“, fühlt sich dagegen fast unangenehm an. Faul vielleicht sogar. Also machen wir weiter.

Ich sehe das in meiner Arbeit immer wieder. Menschen, die unglaublich leistungsfähig sind. Verantwortungsbewusst. Engagiert. Die funktionieren. Lange. Oft zu lange. Bis irgendwann nicht mehr viel Energie übrig bleibt für Dinge, die eigentlich auch wichtig wären: schlafen, denken, fühlen, atmen, genießen oder einfach mal nichts leisten müssen.

Das Schwierige daran ist: Stress fühlt sich nicht immer sofort nach Stress an.

Manche merken ihn körperlich. Schlechter Schlaf. Gereiztheit. Daueranspannung. Andere merken ihn eher daran, dass sie sich selbst ständig antreiben. Dass Pausen unangenehm werden. Dass selbst Freizeit effizient genutzt werden muss. Dass Ruhe fast schon Schuldgefühle auslöst.

Und natürlich hat Arbeit damit zu tun. Nicht nur die Menge an Arbeit, sondern auch die Art, wie wir arbeiten. Dauernde Erreichbarkeit. Permanente Vergleichsmöglichkeiten. Das Gefühl, nie ganz fertig zu sein. Eine Studie der Gutenberg Health Study zeigte, dass anhaltende Erschöpfung deutlich mit arbeitsbezogenem Stress zusammenhängt – selbst dann, wenn andere psychische Belastungen herausgerechnet werden. Besonders Faktoren wie Arbeitsüberlastung spielten dabei eine große Rolle.

Eine weitere Langzeitstudie zu psychosozialen Arbeitsbedingungen kam zu dem Ergebnis, dass hoher Druck, geringe Kontrolle und fehlende Unterstützung im Arbeitsumfeld Burnout-Symptome deutlich begünstigen können.

Das Interessante ist aber: Viele Menschen würden von sich trotzdem sagen, dass sie „eigentlich eh gut umgehen“ mit Stress.

Vielleicht weil wir gelernt haben, Belastung erst ernst zu nehmen, wenn gar nichts mehr geht. Dabei beginnt Erschöpfung oft viel früher. Ganz leise. Nicht spektakulär. Eher so:

Man freut sich nicht mehr richtig auf freie Tage, weil man sie hauptsächlich zum Regenerieren braucht.
Man ist ständig „ein bisschen daneben“.
Man antwortet gereizter als früher.
Man funktioniert sozial nur noch mit Energieaufwand.
Und dann merkt man: Ich bin dauernd müde, aber richtig ausruhen kann ich trotzdem nicht.

Vielleicht lohnt es sich, bei sich selbst einmal ehrlich hinzuschauen.

Nicht dramatisch. Nicht bewertend. Einfach neugierig.

Wie schnell werde ich unruhig, wenn ich nichts tue? Wann habe ich zuletzt etwas gemacht, das keinen Zweck hatte? Erlaube ich mir Müdigkeit erst dann, wenn ich sie mir „verdient“ habe?
Und: Wie viel von meinem Alltag fühlt sich eigentlich noch nach mir an – und wie viel nur nach Reaktion auf Anforderungen?

Ich glaube nicht, dass die Lösung darin liegt, plötzlich völlig stressfrei zu leben. Das wäre unrealistisch. Arbeit darf fordern. Engagement ist nichts Schlechtes. Auch Ehrgeiz nicht. Problematisch wird es eher dort, wo wir uns selbst nur noch über Leistung wahrnehmen und Erschöpfung zum Dauerzustand wird.

Vielleicht braucht es weniger Selbstoptimierung und mehr Selbstwahrnehmung.

Nicht immer höher, schneller, effizienter. Sondern öfter die Frage: Wie geht es mir eigentlich wirklich gerade?

Und vielleicht ist genau das heute fast schon radikal: sich Müdigkeit zu erlauben, bevor der Körper sie irgendwann erzwingt.

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